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Klimaschutz statt Tierfabriken

Wie wir auf unserem Teller die Welt verändern können.

Was bringt mehr für den Klimaschutz: Das Auto stehen lassen oder statt dem Steak mal Gemüse essen? Experten raten zum Gemüse, denn: Die Nutztierzucht ist einer der größten Produzenten von Treibhausgasen und klimaschädlicher als der gesamte Verkehr.

Im Mai 2007 wurde in Bangkok der dritte Teil des Weltklimaberichtes der Vereinten Nationen vorgestellt. Monster-Wirbelstürme, dramatischer Anstieg des Meeresspiegels, lange Dürreperioden: Die Experten der UNO zeigen ein Horror-Bild über das zukünftige Klima auf. Ihr Fazit: Die Weltgemeinschaft dürfe sich bei ihren Bemühungen für den Klimaschutz nicht mehr nur auf klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) konzentrieren. Stattdessen müsse eine "Multi-Gas-Strategie" auch die Zunahme von Methan, Lachgas und anderer Treibhausgase in der Atmosphäre eindämmen. Damit sind nicht mehr nur Autos und Kraftwerke im Fadenkreuz der Klimaforscher, sondern auch die tierproduzierende Landwirtschaft.

Was die Experten sagen

Die UN-Welternährungsorganisation FAO veröffentlichte Anfang 2007 ihre Studie „Der lange Schatten der Viehwirtschaft“. Demnach erzeugt der Nutztiersektor mit 18% mehr Treibhausgase, gemessen in CO2-Equivalenten, als der gesamte Verkehr mit 14%. Dr. Henning Steinfeld, Experte der FAO, warnt: "Tierzucht ist einer der größten Verantwortlichen für die heutigen Umweltprobleme. Wir müssen dringend etwas tun, um dem Abhilfe zu schaffen". Als Begründung nennt die FAO in ihrer Studie z.B. die Ausgasung aus Gülle und Ställen und die Brandrohdung der Regenwälder für Futteranbauflächen.

Pete Hodgson, neuseeländischer Gesundheitsminister, äußert sich bereits 2004 gegenüber dem World Watch Institut in Washington: „Eine Milchkuh produziert jährlich 75 kg Methan, was über 1.5 Tonnen Kohlendioxid entspricht. Natürlich verhält sich die Kuh dabei ganz natürlich. Aber es scheint so, dass die Menschen dabei vergessen, dass die Landwirtschaft ein Industriezweig ist. Wir ebnen das Land, säen Weideland, züchten Nutztiere und so weiter. Es ist ein von Menschen gemachtes Geschäft, nicht etwas Natürliches.“

Prof. Dr. Ingrid Hoffmann, die den Lehrstuhl für Ernährungsökologie an der Universität Gießen inne hat, stellte schon 2002 fest, dass eine klimaschonende Ernährung den Ausstoß von Treibhausgasen im Ernährungsbereich um bis zu 50% senken kann. Die größte Ersparnis entstehe durch den Verzicht auf Fleisch, dicht gefolgt vom Verzehr biologisch erzeugter Lebensmittel.

Methanemissionen sind der Forschungsschwerpunkt von Mikrobiologe Dr. Ralf Conrad, geschäftsführendem Direktor des Marburger Max-Planck-Instituts für terrestrische Mikrobiologie. Sein Forschungsergebnis: Der Klimawandel könnte gebremst werden, wenn die Menschheit sich anders ernähren würde. "Kurz gesagt könnte die Parole lauten: Keine Rinder mehr essen, auf Milchprodukte verzichten".

Zusammenhänge sind Behörden und Politik bekannt

Auch deutsche Behörden sehen den massiven Zusammenhang zwischen Nutztierbestand und Treibhausgasen. Neben CO2- und Ammoniak-Emissionen zeigen Untersuchungen des Umweltbundesamtes: „Die Tierhaltung ist mit ca. 50% an den deutschlandweiten Emissionen klimawirksamer Gase wie Methan und Lachgas beteiligt“.

Auf eine kleine Anfrage im Bundestag, die auf die Klimaschädigung durch die tierhaltende Landwirtschaft abzielte, antwortete die Bundesregierung, dass Emissionsminderungen mit Produktionseinschränkungen verbunden seien. Deutschland liege weltweit an vierter Stelle hinter den USA, Russland und Frankreich bei den landwirtschaftlichen Emissionen. Die Regierung formuliert dennoch in ihrer Antwort keine konkreten Ziele für Zucht und Mast. Denn: Eine Politik hin zu pflanzlichen Alternativen ist unpopulär und nicht besonders geeignet, Wählerstimmen zu sichern.

Überraschend stellt das Umweltbundesamt zudem fest, dass die im Kyoto-Protokoll verwendeten Berechnungsverfahren zu einfach sind. Sie seien nicht in der Lage „die derzeitigen Emissionen akkurat abzubilden“. Das Umweltbundesamtes erwartet Veränderungen der Obergrenzen: „Zu den Treibhausgasemissionen trägt die Landwirtschaft bei N2O und CH4 in so erheblichen Mengen bei, dass eine exaktere Angabe der Emissionen als bisher und die Identifikation emissionsmindernder Maßnahmen zu erwarten sind.“

Die EU-Kommission publiziert zum Klimawandel folgenden Tipp: „Essen Sie Gemüse! Die Fleischproduktion ist sowohl CO2-, als auch methanintensiv und erfordert große Mengen Wasser. Wiederkäuer wie Rinder, Schafe und Ziegen sind übrigens, aufgrund der Art und Weise, wie ihr Verdauungsapparat Nahrung verarbeitet, große Methanproduzenten.“ Konträr zu dieser Tatsache subventioniert die EU-Kommission die tierhaltende Landwirtschaft in einem gigantischen Ausmaß. Ein geradezu groteskes Verhalten

Bundesregierung fördert Aufstockung des Tierbestands

Statt eine für die Klimagasreduktion notwendige Bestandsreduzierung zu forcieren, unterstützt die Bundesregierung genau das Gegenteil: zusätzlich zu den Agrarsubventionen der EU fördert sie aktiv die Aufstockung des Nutztierbestandes. Insbesondere in Ostdeutschland animieren Subventionen wie die des Solidarpakt II zu neuen, schwindelerregenden Betriebsgrößen. Bis zu 50% der Investitionen für Tierfabriken plus Personalkostenbeihilfen werden aus Steuergeldern zur Verfügung gestellt. Geplant sind solche Betriebe unter Anderem in Neuhaus: 7.000 Rinder, Altenhagen: 4.400 Rinder, Parchow: 4.000 Rinder, Trossin: 1.150 Rinder, Allstedt: 95.000 Schweine, Hassleben: 85.000 Schweine, Mahlwinkel: 87.000 Schweine, Staffelde: 60.000 Schweine, Alkersleben: 120.000 Ferkel/Jahr, Alt Tellin: 250.000 Ferkel/Jahr und viele mehr. Oftmals werden dabei ehemalige DDR-Anlagen wieder in Betrieb genommen, die nach der Wende stillgelegt wurden.

Im September 2006 referierte Detlef Breuer, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V. (ISN) über die Gründe, die für Investitionen am Standort Brandenburg sprechen. Er sagte, dass man dort die Gülle billiger entsorgen könne, „keine Abluftreinigung erforderlich“ sei und erhebliche Fördersummen aus Steuergeldern in Aussicht stünden. Die Schweinelobby spricht es offen aus: Wo für die Tierindustrie wirtschaftliche Vorteile durch die Bundespolitik locken, spielen Bedenken in Sachen Klimaschutz keine Rolle.

Höhere Tierzahlen in der deutschen Landwirtschaft werden auch durch vereinfachte Genehmigungsverfahren forciert. Auf Initiative des Landes NRW wurde das „Gesetz zur Reduzierung und Beschleunigung von immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren“ eingebracht. Ziel des Gesetzes ist es unter anderem, eine spürbare Entlastung der Landwirtschaft im Bereich immissionsschutzrechtlicher Anforderungen zu erreichen. „Davon profitieren über 1500 landwirtschaftliche Betriebe im größten Bundesland, die bisher nicht aufgrund luftverunreinigender Emissionen aus der Tierhaltung, sondern einzig wegen einer geringen Flächenausstattung dem Immissionsschutzrecht systemfremd unterlagen“, erläutert der Initiator des neuen Gesetzes, Landesumweltminister Eckhard Uhlenberg.

Das bislang im Klimaschutzprogramm 2005 festgeschriebene Ziel der Bundesregierung ist eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen bis 2010 um 21% und bis 2020 um 40%. Das Bundsumweltamt sieht jedoch bereits die Nahziele in Gefahr: „Ohne weitere Maßnahmen werden in Deutschland die Klimaschutzziele bis 2010 nicht erreicht werden.“ Die Politik scheint dennoch nicht zu interessieren, dass mehr Tiere zwangsläufig auch mehr Emissionen bedeuten.

Die Gülle-Subventionen

Unter den Investoren der neuen Tierzuchtanlagen in Ostdeutschland sind auffallend häufig Holländer zu finden. In den Niederlanden wurde Ende der 90er Jahre der Schweinebestand von ca. 16 Millionen auf 11 Millionen Tiere reduziert und im Jahr 2000 auf diesem Status Quo eingefroren. Begründung: Der Boden dort nahm die Unmengen an Gülle nicht mehr auf. Gülleüberschwemmte Böden verursachen sauren Regen, Nitrat im Grundwasser, sowie Methan- und Lachgasemissionen. Das sind gerade die Emissionen, vor denen die Experten der UNO in ihrem Klimabericht deutlich warnen. Seinerzeit wurden in Holland erhebliche Subventionen für diejenigen Tierhalter gezahlt, die ihren Schweinebestand reduzierten. Heute zahlt man den holländischen Schweinemästern in Deutschland Subventionen für eine Aufstockung des Tierbestands.

Die scheinheiligen Ziele

Das Jahr 1990 wird international als das Referenzjahr verwendet, wenn es um die Formulierung der Ziele zur Reduzierung klimaschädlicher Gase geht. Die klimaschädlichen Emissionen gehen nach 1990 in Deutschland tatsächlich deutlich zurück. In den ersten Jahren nach 1990 ist der Rückgang auch in der tierhaltenden Landwirtschaft erheblich: Methan: 19%, Lachgas: 29%, NH3: 24% Reduktion im Sektor „Nutztiere und Dünger“. Im gleichen Zeitraum geht der Tierbestand in Deutschland um 21% zurück, also um die gleiche Größenordnung wie der Rückgang der klimaschädlichen Emissionen durch die Landwirtschaft! Weder neue Technik noch andere Raffinessen sind also der Grund für den Emissionsrückgang, sondern schlicht die durch äußere Rahmenbedingungen erzwungene Verkleinerung des Tierbestandes. Eine einfache, eigentlich klar verständliche Botschaft: Weniger Nutztierhaltung = weniger klimaschädliche Treibhausgasemissionen.

Auf der Internetseite des Umweltbundesamt findet man die Bestätigung. Dort heißt es: „Der Viehbestand, gemessen in Großvieheinheiten, ist zwischen 1990 und 2000 um rund 21% zurückgegangen, was besonders auf veränderte Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung, Nahrungsmittelskandale, aber auch auf die BSE-Krise sowie Umstellungen in der Landwirtschaft der neuen Länder zurückzuführen ist.“ Mit letzterem sind maßgeblich die Stilllegungen der Mega-Mastanlagen in der DDR nach der Wiedervereinigung gemeint, deren Wiederinbetriebnahmen heute staatlich subventioniert werden.

Der Bauernverband in Erklärungsnöten

Im Juni 2007 veröffentlicht der Deutsche Bauernverband passend zum G8-Gipfel in Heiligendamm eine Pressemitteilung in der zu lesen war, dass „die Landwirtschaft den Ausstoß klimarelevanter Gase insgesamt seit 1990 um 24 Prozent gesenkt“ habe. Der Bauernverband verschweigt dabei, dass dies durch die Reduktion des Tierbestands erreicht wurde, dessen Ursache äußere Zwänge waren. Der Bauernverband wirbt für die tierhaltenden Betriebe mit Zahlen, die aus der Schließung derselbigen resultieren.

Die Bauernlobby versucht in dieser Pressemitteilung die Klimaschädigung durch die Landwirtschaft noch weiter schön zu reden. Dort heißt es, dass auf deutschen Ackerflächen über 180 Millionen Tonnen CO2 von den Pflanzen gebunden würden. Dies rechnet man gegen den Schadstoffausstoß der Branche und kommt dann zu dem Schluss, dass die „Klimabilanz der Landwirtschaft sehr positiv“ sei. Tatsächlich ist es aber so, dass die Pflanzen auf diesen Flächen immer CO2 in der gleichen Größenordnung binden, ganz gleich wie und ob sie bewirtschaftet werden

Schlachtindustrie und Mastanlagen legitimieren sich gegenseitig

Auch in der Schlachtindustrie findet ein Strukturwandel statt, der die Entwicklung zu höherem Tierbestand fördert. Die ohnehin schon größten Firmen der Branche erweitern ihre Schlachtkapazitäten erheblich. Tönnies etwa, Deutschlands größter Schlachthofkonzern mit einem Jahresumsatz von 2,5 Milliarden Euro, vergrößert am Standort Weißenfels seine Schlachtkapazität um rund 100%. Es entsteht der größte Schweineschlachthof Europas. Im Endausbau ist eine Kapazität von 23.000 Schweinen pro Tag oder nahezu 6 Mio. Schweinen pro Jahr geplant. Ein geschickter Schachzug der Fleischindustrie: ein derartig hoher Bedarf an Schweinen kann von den Schweineproduzenten in Sachsen-Anhalt nicht aufgebracht werden. Somit, so die Fleischindustrie, sei die Inbetriebnahme der gigantischen Schweinemastanlagen dringend notwendig. Eine volle Auslastung des Schlachthofes erfordert wenigstens noch 30 bis 35 Anlagen mit einer Größe von etwa 190.000 Tieren im Jahr.

Fazit

Die Menschen sind fleißig dabei, ihren Planeten zu zerstören. Dieser Zerstörungsmechanismus ist vielfältig und geht weit über das hier Beschriebene hinaus. Die Wissenschaft ist sich dabei in Sachen Landwirtschaft einig: die Zucht und Mast von Rind, Schwein und Huhn gehören zu den größten Treibhausgasemittenten überhaupt. Eine politische Diskussion darüber wird schlichtweg ausgeblendet. Zu allem Überfluss wird eine weitere Aufstockung des Tierbestands sogar subventioniert. Dies alles gleicht einem dramatischen Theater, in dem nach den Tieren selbst erst Recht niemand fragt.

"Die besten Reformer, die die Welt gesehen hat, sind die,
die bei sich selbst anfangen." George Bernhard Shaw

   
 

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